Sekundärtraumatisierung
Der Einfluss der Mitarbeitenden in den Einrichtungen des Sozialwesens auf die Lebensqualität dort ist enorm. Diese Personengruppe erbringt nicht nur die zentrale Leistung der Einrichtung – die Betreuung der Menschen, die sie in Anspruch nehmen –, sondern ist auch näher an den betreuten Personen dran als jede andere. Mitarbeitende können Hinweise auf Gewalt früh erkennen, besonders, wenn sie sensibilisiert sind und eine offene Fehlerkultur herrscht. In Diskussionen über Täter:innen wird häufig erwähnt, dass Menschen gezielt Tätigkeiten im Sozialwesen annehmen, um Nähe sowie ein Vertrauensverhältnis zu potenziellen Opfern aufzubauen. Die andere Seite der Medaille sind Personen, die aus entgegengesetzter Motivation diese Berufe wählen, und um diese soll es in diesem Artikel gehen. Soziale Berufsfelder sind oft von Menschen mit hohem ethischen Bewusstsein und viel Empathie geprägt – Menschen, die idealistisch sind und dazu beitragen wollen, dass marginalisierte Personen oder solche in kritischen Lebenslagen besser versorgt werden. Aus diesem Grund sind die Bedürfnisse der Mitarbeitenden in einem Gewaltschutzkonzept nicht wegzudenken.
Was ist Sekundärtraumatisierung?
Eine Traumatisierung geschieht, verknappt ausgedrückt, wenn ein Individuum mehr erlebt, als es mental verarbeiten kann. Wie Menschen auf (potenziell) traumatisierende Geschehnisse reagieren, ist höchst individuell. So kann das gleiche Ereignis unterschiedliche Personen in unterschiedlicher Weise traumatisieren – oder auch nicht. Das Gleiche gilt für sekundäre Traumatisierung, die geschieht, wenn Menschen nicht direkt von einem schwerwiegenden Ereignis betroffen sind, sondern die Betroffenheit eines anderen Menschen nicht verarbeiten können. Dieses Phänomen wird auch als „Mitgefühlserschöpfung“ bezeichnet. Es handelt sich um eine übertragene Traumatisierung, die entsteht, obwohl die helfende Person nicht selbst mit dem traumatischen Ereignis konfrontiert wurde.
Das folgende Zitat von Judith Daniels beschreibt auch die Tabuisierung, die dem Begriff anhaftet:
„Sekundäre Traumatisierung ist also nicht ein Zeichen mangelnder Professionalität, sondern ein Resultat ausgeprägter Empathiefähigkeit. Sie ist eine normale Reaktion auf unnormale Informationen – und sollte als solche nicht weiter einer professionellen Tabuisierung unterliegen.“
Professionelle Distanz
Die Gefahren einer Sekundärtraumatisierung für Menschen in den sozialen Hilfesystemen sind bekannt, und gerade in den Einrichtungen des Sozialwesens so drängend, weil hier oft große Nähe herrscht. Mitarbeitende betreuen andere Menschen teilweise über Jahre hinweg und werden zu einem wichtigen Teil ihres Lebensumfeldes.
Im Studium und in den verschiedenen Ausbildungen, die Menschen für Berufe im Sozialwesen qualifizieren, wird das Thema „professionelle Distanz“ in der Regel thematisiert. Doch dies ist nichts, was man ausschließlich theoretisch lernen kann, auch wenn es gut ist, die theoretischen Grundlagen zu kennen.
Seit 2015 kam in der Arbeit mit Geflüchteten ein bedeutsamer Faktor hinzu: Viele Menschen sind dort tätig, die keine entsprechende Ausbildung haben. Sie haben nicht gelernt, was sich hinter dem Konzept der professionellen Distanz verbirgt. Eine Besonderheit dieser Gruppe ist, dass gerade in Wohnunterkünften für Geflüchtete oft Menschen angestellt sind, die selbst einen Flucht- oder Migrationshintergrund haben und die Sprachen der Bewohner
sprechen. Dies hat erhebliche Vorteile, da diese Mitarbeitenden die Kultur und die Sprache kennen. Allerdings wird dadurch mehr Nähe hergestellt, und die Mitarbeitenden werden intensiver in die Lebenssituationen und Problemlagen der Bewohnerinvolviert.
Als bedeutende Risikofaktoren für sekundäre Traumatisierung gelten:
Eigene vorangegangene Traumatisierungen, einschließlich vorangegangener sekundärer Traumatisierung
Allgemeine Lebensumstände wie Lebensstress und psychische Gesundheit
Merkmale des sozialen Umfeldes
Demografische Faktoren wie Alter, Geschlecht, soziale Schicht
Ressourcen und Bewältigungsmechanismen
Helfen als Arbeit – Helfen als Sucht?
Das Bild von Menschen, die im Sozialwesen arbeiten, ist ambivalent: Zum einen ist bekannt, dass sie chronisch schlecht bezahlt werden und Überstunden ableisten. Zum anderen haben sie oft den Ruf, „Engel auf Erden“ zu sein. Diese Kombination klingt ehrenhaft, offenbart aber schnell ein hohes Potenzial für Burn-out, und tatsächlich gelten sie als Berufsgruppe mit den höchsten Burn-out-Zahlen, wie aktuelle Zahlen belegen.
Doch der Sachverhalt des Helfens ist wesentlich komplexer, da es ein Verhalten mit Implikationen auf vielen Ebenen ist:
Helfen ist sinnstiftend: In einer Zeit großer Oberflächlichkeit ist es wohltuend, die eigene Zeit und Arbeitskraft in etwas zu investieren, das gebraucht wird.
Helfen hat positive Konnotationen.
Helfen transzendiert das eigene Selbst: In einem Setting mit hohem Stress und hoher Verantwortung kann es geschehen, dass ein Team eng zusammenwächst, da man enorme Anforderungen bewältigen muss. Dadurch können eigene Grenzen leicht übergangen werden.
Helfen bedeutet in der Regel direkte Arbeit mit Menschen – diese kann die innere Bereitschaft wecken, mehr zu geben als in der Arbeit mit Gegenständen, also ohne interpersonellen Kontakt.
Warum sind Menschen in sozialen Einrichtungen besonders gefährdet?
Eine besondere Gefährdung kann bestehen, wenn Angehörige oder andere nahestehende Personen Opfer eines Unfalls, einer schweren Krankheit oder eines Übergriffs werden. Auch Berufsgruppen wie Polizei, Rettungsdienst oder Feuerwehr sind diesem Risiko ausgesetzt. Menschen, die in Einrichtungen des Sozialwesens arbeiten, gehören ebenfalls zu dieser gefährdeten Gruppe, auch wenn sie seltener in diesem Zusammenhang genannt werden.
Zwar sind sie nicht mit der gleichen Intensität und Regelmäßigkeit Vorfällen ausgesetzt, sind aber sehr nah an den betreuten Personen und oft besteht eine intensive Bindung. Besonders dramatisch wird es, wenn Täter:innen ebenfalls in der Einrichtung arbeiten. Fachkräfte, die mit traumatisierten Kindern arbeiten, sind besonders gefährdet, vor allem in familienähnlichen Strukturen.
Umgang mit Sekundärtraumatisierung
Der Umgang mit diesem Thema sollte auf zwei Ebenen stattfinden:
Personenebene
Hierzu zählen alle Ressourcen, die den Mitarbeitenden individuell zur Verfügung stehen und deren Initiative erfordern. In der Regel ist dies die Bereitschaft, an Unterstützungsangeboten teilzunehmen und eigene Bedürfnisse zu kommunizieren.
Einrichtungsebene
Hier ist der Rahmen gemeint, in dem die Mitarbeitenden tätig sind. Dies umfasst alles, was von der Einrichtungsleitung an unterstützender Infrastruktur bis hin zum Betriebsklima und der Unternehmenskultur bereitgestellt wird. Selbstverständlich sind beide Ebenen eng miteinander verzahnt und voneinander abhängig. Häufig bedingen sie sich gegenseitig.
Ein weiterer Blickwinkel ist, die Präventionsstrategien an die Phasen von Gewaltprävention zu koppeln:
Primäre Prävention kann bedeuten, dass Mitarbeitende von Anfang an darüber aufgeklärt werden, wie Selbstfürsorge aussehen kann.
Prävention der zweiten Ebene unterstützt Mitarbeitende in kritischen Situationen. Dies umfasst auch Ressourcen, die von der Einrichtungsleitung bereitgestellt werden, wie z. B. Supervision.
Auf der dritten Präventionsebene geht es darum, wie mit Mitarbeitenden umgegangen wird, die betroffen sind. Eine gute Fehlerkultur kann hier helfen, Krisen und Überforderungen frühzeitig zu erkennen und anzusprechen.
Vorsicht vor der Selbstfürsorge-Industrie
Ein wichtiger Punkt ist, die Selbstfürsorge-Industrie kritisch zu betrachten. Achtsamkeit, Meditation, Yoga und ähnliche Praktiken sind wertvolle Werkzeuge, aber unkritisch angewendet, können sie toxische Positivität fördern. Statt Missstände anzugehen, könnten Betroffene versuchen, äußere Umstände zu internalisieren und sich selbst für ihre Überforderung verantwortlich zu machen. Missstände „wegzumeditieren“ ist keine Lösung, sondern versteckt das eigentliche Problem.