Gewaltschutz und Intersektionalität
Das Konzept der Intersektionalität hat seinen Ursprung in den USA der 1980er Jahre, doch erst im letzten Jahrzehnt hat es das Thema in die deutsche Öffentlichkeit geschafft. Entwickelt von der US-amerikanischen Jura-Professorin Kimberlé Crenshaw, ist das Konzept auch für die praktische Arbeit im Sozialwesen von enormer Bedeutung.
Der Begriff „Intersektionalität“ ist eine direkte Übersetzung des von Crenshaw verwendeten englischen Begriffs „intersectionality“, abgeleitet vom englischen Wort für Straßenkreuzung – „intersection“. Mit dieser Definition erklärt Crenshaw zugleich das Bild:
„Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar von Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze Frau, die an einer Kreuzung verletzt wird; die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.“
Intersektionalität beschreibt, wie bestimmte Merkmale einer Person, wie z.B. ethnische oder religiöse Zugehörigkeit, Behinderung, Geschlecht, sexuelle Identität, Alter und soziale Schicht, sich überschneiden und Lebensrealitäten prägen. Menschen können mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sein. Eine weiße, gesunde Frau erlebt – trotz sexistischer Diskriminierung – weniger strukturelle Hürden als ein Mann, der z.B. Migrant oder Geflüchteter ist und eine Behinderung hat. Sie profitiert von ihren Privilegien als weiße, gesunde Person, während der Mann zwar männlich ist, aber Diskriminierung aufgrund seiner Behinderung und seines Migrationshintergrunds erfährt.
Nutzen des Begriffs für die Soziale Arbeit
Für das Sozialwesen ist Intersektionalität ein wertvolles Analyseraster, das hilft, Diskriminierungsformen und ihre Überschneidungen zu verstehen. Sozialarbeiter*nnen können durch diese Perspektive die Lebenssituationen ihrer Klientbesser erfassen und das Risiko reduzieren, wichtige Problemlagen zu übersehen. Ein Beispiel: Eine Fachkraft in der Eingliederungshilfe mag über großes Wissen zu Menschen mit Behinderung verfügen, aber wenig Erfahrung im Umgang mit Rassismus haben. Lebt nun eine Schwarze Person mit Behinderung in der Einrichtung, könnte dieser Mitarbeitende wichtige Anzeichen für Diskriminierung übersehen.
Was sind Privilegien?
Privilegien sind keine moralischen Bewertungen, sondern helfen zu erkennen, welche Diskriminierungsformen auf bestimmte Menschen nicht zutreffen. So kann ein heterosexueller Mensch zahlreiche Schwierigkeiten im Leben haben, wird aber nie von queerfeindlicher Diskriminierung betroffen sein. Dieses Bewusstsein kann Sozialarbeiter*innen helfen, ihre eigene Position und die ihrer Klient*innen besser zu reflektieren.
Intersektionalität und Gewaltschutz
Im Gewaltschutz ist der intersektionale Ansatz besonders wertvoll. Bei der Erstellung von Schutzkonzepten oder Risikoanalysen hilft er, vulnerablere Gruppen zu identifizieren und die Schutzbedarfe zu konkretisieren. So können auch weniger offensichtliche Diskriminierungen, wie z.B. die von Reinigungskräften, die aufgrund ihrer Herkunft schikaniert werden, erfasst werden.
Blick in die einzelnen Einrichtungsformen
Eingliederungshilfe: Menschen mit Behinderung haben unterschiedliche Bedürfnisse. Frauen und Mädchen mit Behinderungen sind besonders oft von sexualisierter Gewalt betroffen, was die Kombination von Geschlecht und Behinderung als Risikofaktor aufzeigt.
Gemeinschaftseinrichtungen für Geflüchtete: Geflüchtete bringen eine große Vielfalt an Diskriminierungserfahrungen mit. Rassismus, Queerfeindlichkeit und mangelnde Barrierefreiheit sind zentrale Themen.
Kinder- und Jugendhilfe: Besonders Kinder mit Behinderungen und minderjährige Geflüchtete sind einem erhöhten Risiko von Misshandlungen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
Konsequenzen für die praktische Arbeit
Intersektionalität fördert die Vernetzung zwischen verschiedenen Einrichtungsformen, da ähnliche Probleme oft in unterschiedlichen Kontexten auftauchen. So können Mitarbeitende in der Flüchtlingshilfe von den Erfahrungen der Eingliederungshilfe profitieren, und umgekehrt. Ein intersektionaler Ansatz ermöglicht es, personenzentrierte und inklusive Arbeitsroutinen zu entwickeln und für komplexe Problemlagen sensibilisiert zu bleiben.