Was ist Adultismus?
Der Begriff Adultismus ist eine Übersetzung des englischen Wortes „adultism“, welches von „adult“ für Erwachsene*r abgeleitet ist. Mit der Endung -ismus versehen, kennzeichnet es ein gesellschaftlich verankertes Machtsystem. Adultismus beschreibt die Machtungleichheit zwischen Menschen unterschiedlichen Alters, in der Regel in der Konstellation Erwachsener – Kind. Er lässt sich aber auch auf Minderjährige unterschiedlicher Altersstufen übertragen. Im deutschsprachigen Raum bisher wenig verbreitet, kann dieses Konzept wertvolle Rückschlüsse auf den Entstehungskontext von Gewalt geben.
Über den Zusammenhang von Macht und Gewalt ist viel geschrieben worden. Machtungleichheit ist eine der Kernursachen für Ausbeutungsverhältnisse und (sexualisierte) Gewalt. Mehr und mehr wird es üblich, Gewaltfälle nicht als isolierte Einzelfälle zu betrachten oder Täterinnen lediglich als moralisch inkompetent zu sehen. Den Blick auf Machtstrukturen zu lenken, hilft zu verstehen, dass Individuen, die aus welchen psychologischen Gründen auch immer Straftaten und Übergriffe begehen, dies in einem Kontext tun. Denn natürlich bleibt die Verantwortung des Individuums gegeben, es gibt jedoch bestimmte Kontextbedingungen, die darüber entscheiden, ob eine Täter*in in einem Setting handelt oder nicht. Neben den organisatorischen Angelegenheiten spielen hier auch Machtasymmetrien eine Rolle.
„Diese Ungleichbehandlung wird von sozialen Institutionen, Gesetzen und Traditionen unterstützt. Die Vielzahl der Menschen betrachtet Adultismus als gegeben und so alltäglich, dass diese Art der Ungleichbehandlung nicht hinterfragt wird. Anders als bei anderen Diskriminierungsformen, bei denen es häufig „die Anderen“ sind, die mit Ausgrenzungserfahrungen konfrontiert werden, hat nahezu ausnahmslos jede*r Erwachsene Adultismus selbst erlebt, sei es in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule. Adultismus, als erste Diskriminierungserfahrung fast aller Menschen, kann dazu führen oder dazu konditionieren, alle weiteren Diskriminierungserfahrungen zu akzeptieren oder selbst auszuüben. Zumindest wird weiterführende Diskriminierung erleichtert.“
Welche Rolle spielt Erziehung zu Hause und in den Institutionen?
Sich mit Adultismus zu beschäftigen, bedeutet nicht, auf Erziehung zu verzichten und Kinder tun zu lassen, was sie wollen. Kinder brauchen Anleitung und Schutz. Es bedeutet vielmehr, dass Erwachsene das Machtverhältnis, in dem sie sich gegenüber Kindern befinden, reflektieren.
Zugegeben, auf den ersten Blick kann man hier ein Spannungsverhältnis vermuten. Wie soll ein Kind lernen, was es in der Gesellschaft braucht, ohne dass „über es“ entschieden wird? Kinder müssen lernen. Woher kann man wissen, was eine Stütze ist, um das Leben in der Gesellschaft zu lernen, und was Kontrolle durch Erwachsene ist?
Adultismus auf drei Ebenen
Drei Ebenen von Adultismus können beschrieben werden:
Ideologisch-diskursiv: Hierzu gehören die Normvorstellungen, die wir haben. Diese sind meist derart verinnerlicht, dass wir ihre Existenz gar nicht wahrnehmen und somit auch nicht hinterfragen, ob sie überhaupt angemessen sind. Schon alleine ein Blick in die Kindermärchen, die zu unserem kulturellen Erbe gehören, zeigt: Sie sind voller Gewalt gegen Kinder, die sich nicht so benehmen, wie die Erwachsenen es einfordern. Gewaltsame Erziehungsmethoden sind Teil unserer Vorstellung von Normalität und werden erst langsam hinterfragt. Beispielhaft soll hier auf das Märchen von Daumenlutscher verwiesen werden: Einem Jungen werden die Daumen abgeschnitten, nachdem er trotz des Verbotes seiner Mutter an diesen lutscht. Derdie Pädagogin des 21. Jahrhunderts würde fragen, aus welchem unerfüllten Bedürfnis heraus der Junge das denn tut. Das Märchen macht kurzen Prozess und schneidet einfach die Finger ab.
Strukturell-institutionelle Ebene: Kinder sind von fast allen Arten von gesellschaftlicher Entscheidungsfindung ausgeschlossen, da ihnen die Kompetenz abgesprochen wird, sich in positiver Weise an der Gesellschaft zu beteiligen. Bereits die erbitterten Diskussionen um das Wahlrecht ab 16 zeigen, wie wenig jungen Menschen zugestanden wird, sich in ihren Entscheidungen für das Wohle der Gesellschaft einsetzen zu können. Doch auch Architektur ist ein Beispiel für Diskriminierung. Kinder werden bei baulichen Gegebenheiten selten mitgedacht, ihre Bedürfnisse finden keinen Niederschlag darin, wie unsere physische Welt aufgebaut ist. Die Welt ist für Erwachsene geschaffen, von Kindern wird erwartet, dass sie sich fügen, bis sie in diese hineingewachsen sind.
Zwischenmenschliche Ebene: Das Hierarchiegefälle ist hier besonders deutlich: Es gilt als normal, wenn Erwachsene Kinder am Arm mitzerren, sie öffentlich anschreien oder für sie im Restaurant bestellen. In umgekehrter Richtung wäre ein solches Verhalten vollkommen undenkbar.
Erscheinungsformen
Die meisten Diskriminierungsformen sind dadurch gekennzeichnet, dass unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Gruppen gelten. Dies ist auch bei Kindern und Erwachsenen der Fall. Beispiele für vermeintlich mildere Formen sind die alltäglichen Grenzüberschreitungen: Wenn Kinder gegen ihren Willen geküsst werden oder Erwachsene umarmen müssen, obwohl sie nicht wollen. Kinder, die sich dagegen wehren, werden oft als unhöflich dargestellt oder ihnen wird gesagt, sie sollen sich nicht "so anstellen". Damit wird Kindern suggeriert, dass es ihnen nicht gestattet ist, die eigenen Grenzen zu spüren. Ein anderes Beispiel sind Aussprüche wie: „Sei doch nicht kindisch!“ Wir setzen kindliches Verhalten mit unangemessenem oder störendem Verhalten gleich. Auch Sätze wie „Dafür bist Du noch zu jung“ oder „Das ist nichts für Kinder“ können schützend sein, sie können die Erwachsenen aber auch von dem Aufwand befreien, Dinge des alltäglichen Lebens in kindgerechter Weise zu erklären.
Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf das Essen: Wenn Kinder gezwungen werden, Lebensmittel zu essen, die sie nicht mögen oder zu essen, wenn sie keinen Hunger haben. Dies hat keinerlei erzieherischen Wert und kann ebenso wie die anderen Erscheinungsformen dazu führen, dass Kinder irgendwann aufhören, ihre eigenen Grenzen zu spüren. So gilt als eine mögliche Ursache für das Auftreten von Essstörungen, dass Kinder durch Zwang zum Essen ihr persönliches Gefühl von Hunger und Sättigung abtrainiert bekommen haben.
Auswirkungen
Von den möglichen Folgen sollen hier besonders zwei hervorgehoben werden. Zum einen erleben Kinder, dass ihre Perspektiven und Wahrnehmungen wenig Wert haben. Sie sind immer denen der Erwachsenen unterzuordnen. Kinder beginnen zu glauben, dass sie keine Macht haben und sich nicht behaupten können. Vielleicht hören sie sogar ganz auf, der eigenen Wahrnehmung zu trauen, was im Kontext sexualisierter Gewalt natürlich besonders fatal ist.
Die zweite Reaktion ist, dass Kinder den erlebten Schmerz zurück- oder weitergeben: Sie reagieren trotzig, wütend, ungehalten, aggressiv – und ziehen in der Konsequenz noch mehr adultistische Bestrafung auf sich.
Es wird sogar davon ausgegangen, dass Adultismus als erste erlebte Diskriminierungsform des Menschen den Grundstein für alle anderen Diskriminierungsformen bildet. Dies wird damit begründet, dass Menschen von klein auf konditioniert werden, dass eben nicht alle Menschen die gleichen Rechte haben und gleichbehandelt werden.
Umgang in den Einrichtungen
Menschen, die mit Kindern arbeiten, müssen sich damit auseinandersetzen, dass sie sich in einem Machtverhältnis befinden. Es wird von Expert*innen ein zweistufiges Verfahren empfohlen:
(Selbst-)Reflexion:
Wo begegnet uns adultistisches Verhalten?
Wie fühlen wir uns dabei, wenn solche Verhaltensweisen auftreten?
Alternative Handlungsweisen:
Hinterfragen von Regeln und Grenzen: Was ist der Hintergrund dieser Regel? Was soll damit bezweckt werden? Für wen gilt sie und für wen nicht? Wird sie den Kindern in angemessener Weise erklärt oder ist dies „einfach so, weil Erwachsene es sagen“?
Vorbild sein – eine positive Fehlerkultur schaffen: Halten sich die Mitarbeitenden an die Regeln? Wie reagieren die erwachsenen Mitarbeitenden auf einen Bruch der Regeln? Entschuldigen sie sich bei Kindern, wenn Fehler passiert sind?
Dialog auf Augenhöhe: Halten die Mitarbeitenden Blickkontakt, wenn sie mit Kindern sprechen, und haben Kinder die Gelegenheit, auszusprechen? Werden Kinder nach ihrer Meinung und Perspektiven befragt? Nehmen sich Erwachsene Zeit für Gespräche mit Kindern und wählen passende Worte? Werden Kinder sofort zurechtgewiesen, oder gibt es für sie die Möglichkeit, ihren Standpunkt zu erklären? Können Kinder in einer geschützten Atmosphäre Kritik an den Erwachsenen und deren Taten üben?
Partizipation leben: Werden Kinder in der Einrichtung einbezogen? Welche Mechanismen zur Mitsprache gibt es?
Was bedeutet dies für Gewaltschutzmaßnahmen?
Schutzkonzepte verlangen immer Partizipation. Diese ist nur dann möglich, wenn Diskriminierungsstrukturen bewusst abgebaut werden. Hier ist zu bedenken, dass Partizipation in den Artikeln 12 und 13 der UN-Kinderrechtskonvention verankert ist.
Darüber hinaus sollten sich Fachkräfte mit dem Thema auseinandersetzen und auch das eigene Aufwachsen reflektieren: Wie sind sie als Kinder und Jugendliche mit der Übermacht der Erwachsenen umgegangen? Welche Verletzungen liegen aus dieser Zeit vor, und inwieweit wird dies durch ein als aufmüpfig gelesenes Verhalten von Kindern getriggert?
Das Beschriebene zeigt den Zusammenhang von Adultismus und Gewalt in folgender Weise: Adultismus als Machtsystem begünstigt Gewalt und Grenzverletzungen gegenüber Kindern. Er hindert Kinder aber auch daran, den eigenen Grenzen zu trauen oder Grenzüberschreitungen als solche zu erkennen, genauso wie Motive von Täter*innen zu hinterfragen, da sie Angst haben oder verinnerlicht haben, dass Erwachsene ihnen nicht zur Seite stehen.