Fachkräftemangel und Gewaltschutz

Der Fachkräftemangel in den SAGE-Berufen ist allgegenwärtig: Gründe wie kritische Arbeitsbedingungen, unangemessene Bezahlung und geringe soziale Wertschätzung führen zu chronischem Stress. Diese Situation ist nicht neu und wurde über Jahre hinweg vorhergesagt, doch inzwischen hat sie eine kritische Schwelle erreicht. Einrichtungen müssen schließen, und die Gesellschaft scheint von dieser Entwicklung überrascht zu sein, obwohl die Warnungen seit langem ausgesprochen wurden. Der Mangel an Fachkräften zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre, ohne dass sich entscheidende positive Veränderungen abzeichnen.


Ein Bericht des Instituts der Deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2022 zeigt auf, dass die Berufe mit dem größten Fachkräftemangel ein ungleiches Geschlechterverhältnis unter den Beschäftigten aufweisen. Die zehn Berufe mit den größten Lücken umfassen sowohl „typische Männerberufe“ als auch SAGE-Berufe. Fünf dieser Berufe gehören zu den SAGE-Berufen, wobei Sozialarbeit und Sozialpädagogik an erster Stelle stehen.

„Diese Fachkräfte fehlen zum Beispiel in der Schulsozialarbeit, in Jugend-, Kinder- und Altenheimen oder in der Suchtberatung, überall dort, wo Menschen persönliche Begleitung benötigen. Diese Tätigkeitsfelder sind in der Corona-Pandemie noch bedeutender geworden. Der Fachkräftemangel erreichte auch bei Erzieher*innen mit knapp 20.500 unbesetzten Stellen einen Rekordwert. Alten- und Krankenpflege sowie Physiotherapie sind ebenfalls stark betroffen.“

Studien zeigen, dass Männer Berufe, die als „Frauenberufe“ wahrgenommen werden, verlassen, da sie dort geringere Bezahlung und weniger Anerkennung fürchten. Tatsächlich sinken die Gehälter in diesen Berufen, wenn mehr Frauen dort arbeiten. Ein Bericht des Sachverständigenrates aus dem Jahr 2018 schlug bereits Maßnahmen vor, um die Personallücke zu schließen. Dazu zählen attraktivere Arbeitsbedingungen und eine Aufwertung der Berufe, insbesondere in der Pflege, durch bessere Bezahlung und Akademisierung.

Doch in der Praxis zeigt sich das Gegenteil: Während der Corona-Pandemie mussten Beschäftigte in Gesundheitsberufen monatelang unter enormen Belastungen arbeiten. Applaus und Einmalzahlungen reichten nicht aus, um die Belastung zu kompensieren. Die Pandemie verdeutlichte, dass Berufsgruppen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz die niedrigsten Löhne erhalten.

Die Frage drängt sich auf: Warum sollten Menschen Berufe in den SAGE-Berufen wählen, wenn diese systematisch unterbezahlt und unterbewertet werden?

Seit Jahren fordern Mitarbeitende in diesen Berufen, dass sie mehr sind als „Gutmenschen“, die sich mit einem Schulterklopfen und „Danke“ abspeisen lassen, während ihre Arbeit weiterhin ausgenutzt wird.

Wie passt der Gewaltschutz ins Bild?

Auf den ersten Blick scheinen Fachkräftemangel und Gewaltschutz nicht direkt miteinander verbunden zu sein, doch beide Themen sind eng verknüpft. Gewaltschutzmaßnahmen schützen nicht nur die Empfänger*innen sozialer und gesundheitlicher Dienstleistungen, sondern auch die Mitarbeitenden. Sie tragen dazu bei, SAGE-Berufe attraktiver zu gestalten und ein weiteres gesellschaftliches Problem zu adressieren: die Gefahr von Gewalt in Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitswesens.

Gewaltschutzmaßnahmen zielen auf die Primärprävention ab, indem sie sichere Arbeits- und Lebensumfelder schaffen. Nur wenn Beschäftigte nicht im „Überlebensmodus“ arbeiten müssen, können sie ihre Aufgaben vollumfänglich erfüllen. Der „Überlebensmodus“ ist genau das, was viele Mitarbeitende in SAGE-Berufen beklagen.

Die Implementierung von Gewaltschutzmaßnahmen verbessert das Arbeitsklima: Mehr Vertrauen, Sicherheit, Transparenz und Kommunikation sind das Ziel. Doch die Umsetzung dieser Maßnahmen erfordert zusätzliche Arbeit, wie etwa die Entwicklung von Konzepten, Teilnahme an Schulungen, Supervision und ggf. Zusatzaufgaben. All dies geschieht, während die Bezahlung und der Personalschlüssel unverändert bleiben.

Fazit: Fachkräftemangel und Gewaltschutz im Überblick

  • Gewaltschutzmaßnahmen erfordern qualifiziertes Personal, das bestimmte Kenntnisse und Haltungen mitbringt oder erlernt.

  • Fachkräftemangel kann dazu führen, dass Einrichtungen Personen einstellen oder halten, die grenzwertiges Verhalten zeigen, da der Personalmangel so groß ist.

  • Die Implementierung von Gewaltschutzmaßnahmen macht Einrichtungen attraktiver und verbessert das Wohlbefinden und die Unversehrtheit der Mitarbeitenden.

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Rezension: Fehlerkulturen in der Sozialen Arbeit

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