Rezension: Haltung. Ein Praxisbuch für mehr Professionalität im pädagogischen Alltag
Haltung ist eines jener heimtückischen Worte, dessen Bedeutung scheinbar jede*r kennt, doch zugleich würden die meisten Personen stutzen, sollten sie definieren, was eine Haltung ausmacht. Der Begriff ist vielschichtig, diffus und sperrig. Haltung ist irgendwie „alles“ und damit wird sie nicht greifbar. Zugleich gilt sie für die pädagogische Arbeit als unverzichtbar.
In ihrem Buch geht Katrin Halfmann dem Begriff auf die Spur und zerlegt ihn in seine Bestandteile, um ihn für uns greifbar, transparent und anwendbar auf die Praxis zu machen. Dabei greift sie regelmäßig auf Theorien von Friedemann Schulz von Thun zurück und füllt diese mit Beispielen aus der pädagogischen Arbeit.
Unter Rückgriff auf eine Definition von Julius Kuhl, Christina Schwer und Claudia Solzbacher gibt uns Katrin Halfmann folgende Kriterien als Kennzeichen einer professionellen Haltung an die Hand:
Die Haltung besteht aus einem individualisierten Muster von Einstellungen, Werten, Überzeugungen;
Ist zustande gekommen durch einen authentischen Selbstbezug und objektive Selbstkompetenzen;
Dient als innerer Kompass, um Stabilität, Nachhaltigkeit und Kontextsensibilität des Entscheidens und Handelns zu ermöglichen;
Zeigt sich in situationsübergreifender Kohärenz und Nachvollziehbarkeit des Verhaltens;
Äußert sich als Sensibilität für die Belange der beteiligten Personen.
Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Im ersten davon, „Was ist Haltung? – Eine Begriffserhellung“, betrachtet sie den Begriff von acht Warten aus:
Im Zentrum einer Haltung stehen Einstellungen, Überzeugungen und Werte
Hier wird intensiv auf die Inhalte eingegangen, aus denen sich unsere Haltung zusammensetzt. Zwar besitzt unsere Haltung eine unterbewusste Komponente, die stützt sich aber dennoch auf das, was wir als sinnvoll, richtig und wertvoll empfinden – und was nicht. Dazu gehören neben den Einstellungen, Überzeugungen und Werten auch unsere Glaubenssätze.Haltungen können generell oder sehr spezifisch sein
Haltungen sind immer gerichtet. Sie haben ein Gegenüber, beziehen sich auf Menschen, Sachverhalte und Dinge. Hinzu kommt, dass Haltungen nicht beliebig austauschbar sind, sondern sich verändern, je nachdem, worauf wir uns beziehen.Der „ganze“ Mensch hat (bzw. ist) seine Haltung
Es wäre verkürzt und unvollständig, zu behaupten, unsere Haltung sei lediglich "ein Teil von uns". Sie ist nicht nur ein Interpretationsschema in unserem Kopf, sondern wird mit dem ganzen Körper und auch den Emotionen gelebt. Gefühle und Haltung bedingen einander und sind nicht voneinander trennbar.Hinter Haltungen verbirgt sich innere Vielfalt
Katrin Halfmann greift häufiger auf die Theorie des inneren Teams zurück. Diese geht davon aus, dass jeder Mensch über eine Reihe von inneren Anteilen verfügt, die sich in Situationen mit eigenen unterschiedlichen Impulsen, Gedanken und Gefühlen äußern. Einige dieser Anteile sind laut, andere leise. Die einen melden sich sofort, und andere brauchen Zeit, das Wort zu ergreifen.
Das Modell des inneren Teams ist geeignet, unterschiedliche Aspekte im Inneren des Individuums zu erklären, da die betreffende Person mit mehreren Impulsen auf eine Situation reagieren möchte bzw. über sie empfinden kann. Entscheidend über die Reaktion ist, welcher Impuls am schnellsten zur Stelle ist oder im Sinne einer guten Selbststeuerung: Auf wen das Oberhaupt des inneren Teams hört.Haltungen entstehen früh und entwickeln sich lebenslang
Sie sind eng verbunden mit der eigenen Sozialisation, verändern sich mit unserer persönlichen Reife und erleben durch signifikante Erfahrungen und Krisen enorme Veränderungen.Haltungen sind beständig und beweglich zugleich
Das Bestreben, einen Zustand innerer Kohärenz herzustellen, ist ein normales menschliches Verhalten, weshalb wir dazu neigen, unsere vorhandenen Haltungen beibehalten zu wollen und Veränderungen erst einmal misstrauisch gegenüberstehen. Sollte uns jedoch eine Häufung an neuen Erfahrungen in einen Zustand innerer Inkohärenz bringen, führt dies im Idealfall dazu, dass wir lernen und unsere Haltung anpassen.Haltungen können mehr oder weniger bewusst oder reflektiert sein
Eine Haltung hat man, ob man sich dieser bewusst ist oder nicht. Bei unbearbeiteten Themen in der eigenen Haltung besteht immer die Möglichkeit, dass man Verhaltensweisen an den Tag legt, die nicht intendiert waren, weil man nicht reflektiert hat, welche unbewusste Referenz im Inneren in einer (Arbeits-)Situation ausgelöst wurde.Haltungen sind mehrdimensional
Kommunikation, zwischenmenschliche Auseinandersetzungen und Interaktionen sind doppeldeutig, und das Gleiche gilt für Haltungen.
Das zweite Kapitel „Was macht eine Haltung professionell?“ wird sehr praktisch, bricht diese acht Punkte auf konkrete Verhaltensweisen herunter und bietet zahlreiche Selbstreflexionsübungen an, die wohl durchdacht sind und sofort dazu anregen, sie aufzuschreiben.
Haltung hat acht Komponenten: Man muss sie ...
Reflektieren
“Ich bin mir meiner eigenen Haltung bewusst und bin bereit, über mein Wahrnehmen, Denken und Handeln selbstkritisch nachzudenken und mich weiterzuentwickeln.”
Dieser Abschnitt hat für mich den meisten Tiefgang des ganzen Buches, da dort intensiv behandelt wird, wie sehr das eigene Erleben in der Kindheit den Umgang mit Kindern prägt. Der Abschnitt motiviert, die Bedeutsamkeit der eigenen Biografie in den Blick zu nehmen, denn: Das innere Kind in einem prägt den Umgang mit Kindern!Finden
“Ich orientiere mich an Werten, die dem Schutz der Würde aller dienen, und verfüge über Schlüsseltugenden wie z.B. Empathie, Offenheit und Ressourcenorientierung.”
Tugenden brauchen einen Gegenpol, um Gutes zu bewirken. Zugleich hat jede Tugend eine Schattenseite, in die Inhaber*innen einer Tugend verfallen können: Gewissenhaftigkeit und Gelassenheit brauchen einander, um nicht in Perfektionismus oder Nachlässigkeit umzuschlagen.Einnehmen
“Ich übernehme die Verantwortung für mein Fühlen, Wollen, Denken und Handeln, meinen beruflichen Auftrag und meine Wirkung.”
Eine professionelle und gewinnbringende Haltung entsteht nicht von alleine, sondern ist das Ergebnis bewusster und kontinuierlicher Arbeit. Damit in engem Zusammenhang steht die Bereitschaft, sich zuständig und verantwortlich zu fühlen und auch das eigene Empfinden, Denken, Wollen und Handeln sowie deren Wirkung auf andere zu reflektieren.(Er-)Leben
“Meine Haltung ist darauf ausgerichtet, tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, um sie in ihrer Entwicklung und ihren Bildungsaktivitäten zu unterstützen und ihnen wiederum zu ermöglichen, förderliche Haltungen zu sich selbst und zu anderen zu entwickeln.”
Dieser Punkt ist so interessant, da er sich damit beschäftigt, wie wir im professionellen Setting für andere da sein können. Wie wir Präsenz zeigen in den alltäglichen beruflichen Situationen, für Begegnung jenseits von Schubladendenken offen sind und einfach zuhören können.Wahren
“Ich verfüge über hinreichende Kompetenzen, mich selbst zu steuern und meine Impulse zu regulieren.”
Selbststeuerung beinhaltet u.a., sich selbst motivieren und aus Fehlern lernen zu können. Besonders wichtig in Krisensituationen ist in Bezug auf die Selbststeuerung, Erst- und Zweitreaktion zu unterscheiden. Eine Erstreaktion ist geprägt durch den Schreck, und die Zweitreaktion ist der Umgang mit der aktuellen Krise und mit der eigenen Erstreaktion. Unser Ziel soll es sein, unsere typischen Erstreaktionen zu erkennen und durch sinnvolle Zweitreaktionen zu ergänzen oder zu ersetzen.Zeigen
“Ich habe den Mut, meine Haltung auch gegen Widerstände zu vertreten.”
Zivilcourage im beruflichen Alltag bedeutet, bei der eigenen Haltung zu bleiben, obwohl sich Widerstand dagegen regt. Es bedeutet, den Mut zu haben, etwas auszusprechen, obwohl man mit einer negativen Reaktion oder negativen Konsequenzen rechnet.Verkörpern
“Meine Haltung ist mir gemäß, d.h. ich kann sie mit meiner (gesamten) Persönlichkeit leben.”
Eine gute Zusammenarbeit des inneren Teams setzt voraus, dass alle seine Teile einen Beitrag zur Haltung leisten. Falls sie das nicht tun, muss uns dies bewusst sein, und sie haben in berufsrelevanten Situationen kein Mitspracherecht.Schützen
“Meine Haltung führt zu einem entwicklungsfördernden Umgang mit mir selbst und trägt dazu bei, meine eigene Gesundheit, Berufszufriedenheit und Berufsfähigkeit möglichst lange aufrechtzuerhalten.”
Selbstfürsorge ist ein zentraler Faktor, v.a. in stressanfälligen Berufen im pädagogischen Kontext, denn: Stress schadet der Haltung. Er verändert unsere Wahrnehmung und unser Denken, macht uns anfälliger für Fehler, da auf der Gefühlsebene Unruhe, Nervosität, Ärger, Frustration und Hilflosigkeit dominieren. Kinder und Jugendliche leiden zudem unter dem Stress der Erwachsenen in ihrem Leben.
Das dritte Kapitel „Haltung weiterentwickeln – aber wie?“ fragt danach, wie sich Haltungen weiterentwickeln lassen. Meist gibt etwas Externes den Anstoß, die eigene Haltung zu überdenken, zu ergänzen oder anzupassen. Dies können Weckrufe sein (etwas Bewährtes funktioniert nicht mehr), Inspirationen (jemand anders lebt uns etwas vor, das uns neue Impulse gibt), Fachwissen (ich erfahre von einem mir unbekannten, vielversprechenden Ansatz, wie ich etwas tun kann) oder innere Entwicklungen. Insbesondere die beiden letzten Abschnitte sind in dem Buch mit zahlreichen Selbstreflexionsübungen ausgestattet.
Das vierte und letzte Kapitel schließlich hebt das Ganze auf die Team-Ebene und schaut sich an, wie „Gemeinsam Haltung zeigen – Kultur entwickeln“ und ergänzt die bis zu diesem Punkt individuelle Sichtweise um den kollektiven Gesichtspunkt. Denn Haltung kann ansteckend und inspirierend wirken und sich insbesondere auf neue und jüngere Mitarbeitende auswirken. Besonders hervorgehoben wird, welche Bedeutung der Führung zukommt, die eigene Haltung zu reflektieren und weiterzugeben.
Fazit
Lange habe ich kein Fachbuch mehr derart verschlungen wie dieses. Es ist locker geschrieben und vermittelt zugleich fundiertes Wissen, ohne jemals seinen Anspruch als „Praxisbuch“ einzubüßen. Die Zeichnungen sind in ihrer kindlichen Art und Weise eingängig, einprägsam und auflockernd und zugleich machen sie das Geschriebene noch plausibler.
Dieses Buch dient ausgezeichnet dazu, Workshops vorzubereiten, Team-Übungen daraus zu basteln, aber auch – und das ist meiner Meinung nach die ganz große Stärke – in die Selbstreflexion zu gehen. Die zahlreichen Übungen sind alles andere als oberflächlich: Sie gehen in die Tiefe der Persönlichkeit des Lesenden und regen dazu an, sich die Erlebnisse der eigenen Kindheit aus der Perspektive der erwachsenen Professionellen anzuschauen.