Ebenen von Gewaltprävention
Umgangssprachlich bezeichnet der Begriff “Prävention” Maßnahmen, um das Eintreten eines unerwünschten Vorfalls zu verhindern. Präventionsmodelle jedoch umfassen alle Phasen eines (Gewalt-)Vorfalls: den Entstehungskontext, den Ablauf und die Betreuung danach bzw. die Aufarbeitung. Dieser Artikel beschreibt das theoretische Modell der dreistufigen Gewaltprävention und möchte aufzeigen, wie diese Präventionsformen in den Einrichtungen des Sozialwesens aussehen können.
Was bedeutet Prävention?
Prävention ist ein ganzheitlicher Ansatz, der versucht, Schaden zu verhindern, aber ebenso darauf abzielt, entstandenen Schaden einzudämmen und zu begrenzen. Gewaltfälle erscheinen nur bei oberflächlicher Betrachtung als isolierte Einzelfälle. Tatsächlich entstehen sie aus einem Kontext heraus und haben eine Reihe von Begleit- und Folgeerscheinungen.
Angst vor dem Worst-Case
Der Gedanke daran, dass eine Gewalttat in der eigenen Einrichtung geschehen kann, verunsichert Verantwortliche massiv. Dies gilt als eines, wenn nicht sogar das Schlimmste, was passieren kann. Hier ist die Einrichtung in ihrer Gesamtheit bedroht: die Sicherheit der dort lebenden Menschen, Mitarbeitende, die falsch gehandelt haben oder in der Folge von sekundärer Traumatisierung betroffen sind, ggf. Strafverfolgung und Sanktionen "von oben". Diese Vorstellung kann äußerst beängstigend sein und einen Verdrängungsmechanismus auslösen.
Zwei Gedanken können aus dieser Sackgasse helfen: Zum einen geschehen drastische Gewaltfälle in einem Kontext, den man mit den richtigen Strukturen entdecken und entschärfen kann. Schaut man sich die größten derartigen Vorfälle des letzten Jahrhunderts an, wie z. B. die in der Odenwaldschule begangenen Verbrechen, wird deutlich, dass es zahlreiche Anhaltspunkte gab, die jedoch ständig übergangen wurden. Mitwissende schwiegen, es herrschten toxische Loyalitätsstrukturen, Betroffene hatten Angst und das gesellschaftliche Klima war zu stark von Tabus belastet, um diese Wahrheiten anhören zu können. Aus genau diesem Grund ist es so wichtig, bereits auf vermeintlich kleinere Vorkommnisse wie Grenzüberschreitungen zu reagieren.
Zum anderen hilft folgender Perspektivwechsel: Es gibt kein perfektes System, auch nicht im Gewaltschutz, da das Geschehen in den Einrichtungen zu dynamisch ist. Selbst wenn ein ausgefeiltes Schutzsystem implementiert wurde, das alle einbezieht, können Verbrechen außerhalb der Einrichtung in diese hineingetragen werden. Daraus ergibt sich, dass Gewaltschutz ein niemals endender Lernprozess ist.
Das Drei-Stufen-Modell der Gewaltprävention
Dieses Drei-Stufen-Modell wird in vielen Branchen verwendet, um aufzuzeigen, dass Gewalt und deren Prävention viel mehr ist als das Abfangen eines Einzelfalls. Wenn Verantwortliche im Sozialwesen diese drei Ebenen mitdenken, kann eine umfassende Schutzstrategie entwickelt werden.
Primäre Gewaltprävention
Hiermit ist die Schaffung eines Settings gemeint, in dem die Bedingungen so optimal sind, dass keine Gewaltfälle auftreten. Dies ist die breiteste und umfangreichste Strategie und somit auch diejenige, die meiste Zeit und den größten Aufwand für die Umsetzung benötigt. Für Einrichtungen des Sozialwesens ist die Arbeit an diesem Bereich schwierig, da die Stellschrauben sich in der Regel außerhalb des eigenen Einflussbereichs befinden.
Dennoch sollte man sich davon nicht ernüchtern lassen und resignieren. Man kann die primäre Gewaltprävention auch als den Idealzustand betrachten, dem man sich mit den unterschiedlichsten Maßnahmen nähern kann.
Maßnahmen zur primären Gewaltprävention könnten ein ausreichender Personalschlüssel sowie eine angemessene Bezahlung sein. In vielen Fällen bedeutet dies aber auch, weniger stationäre Unterbringung/Gemeinschaftsunterkünfte und mehr privates/dezentrales Wohnen.
Sekundäre Gewaltprävention
Hier wird von einem Setting ausgegangen, in dem Risikofaktoren vorliegen. Diese werden am besten in einer Risikoanalyse ermittelt. Gute Beispiele für diese Faktoren sind ein schwacher Personalschlüssel, traumatisierte Personen in der Einrichtung und ein Machtgefälle zwischen einzelnen Personengruppen.
Es wird diskutiert, ob nicht in allen Einrichtungen des Sozialwesens grundsätzlich von Settings sekundärer Gewaltprävention ausgegangen werden sollte, da bestimmte Risikofaktoren bereits gegeben sind und ausgeglichen werden müssen. Hier ist die Risikoanalyse zu verorten, die streng genommen bereits eine Maßnahme der sekundären Gewaltprävention ist, da sie aufzeigt, welche Umstände eine Gefahr bergen, zu einem Gewaltausbruch zu führen.
Diese Ebene findet also in einem Spannungsfeld statt, und die Maßnahmen sind meist kleiner und überschaubarer als die der primären Prävention. Ihre Intention ist die Implementierung von Maßnahmen, die ein ungünstiges Verhältnis ausgleichen sollen.
Ein barrierefreies, inklusives Beschwerdesystem ist ein Beispiel für sekundäre Gewaltprävention, da ein Risikofaktor (in diesem Fall eine vorhandene Machtasymmetrie) ausgeglichen wird und somit eine Form von Macht für Nutzer:innen bzw. Bewohner:innen geschaffen wird: Alle können sich Gehör verschaffen, wo sie vorher nicht gehört wurden.
Tertiäre Gewaltprävention
Diese Maßnahmen greifen, nachdem sich ein Vorfall ereignet hat bzw. nachdem dieser bekannt wurde. Ein solcher Vorfall ist ein Prozess, und für Betroffene ist er nach dem Vorfall noch lange nicht vorbei. Es kann erst der Anfang sein, da nun eine strafrechtliche Verfolgung beginnen kann – aber nicht muss. In jedem Fall ist eine Betreuung der geschädigten Personen nötig, die sich über einen langen Zeitraum erstrecken kann. Ggf. sind auch Umzüge oder rechtliche Statusveränderungen (z. B. bei Wohnsitzauflagen) notwendig. Für die Einrichtung geht es darum, einen allen Mitarbeitenden zugänglichen und bekannten Ablaufplan sowie feste Ansprechpersonen zu haben und auch ein Vorgehen für die Öffentlichkeit zu entwickeln.
Tertiäre Gewaltprävention spielt auch dann eine Rolle, wenn Mitarbeitende einer Einrichtung erfahren, dass ein ihnen anvertrauter Mensch außerhalb der Einrichtung Opfer von Gewalt wurde. Zwar sind in einem solchen Fall keine einrichtungsinternen Prozesse nötig, aber das gleiche externe Beratungs- und Unterstützungsnetzwerk sollte hinzugezogen werden.
Auch in Bezug auf die unterschiedlichen Arten von Gewalt kann tertiäre Gewaltprävention bedeuten, dass ein Mensch, der Opfer von struktureller oder epistemischer Gewalt geworden ist, Unterstützung von den Mitarbeitenden der Einrichtung erhält, z. B. durch Kontakt zu einer Beratungsstelle wie der Antidiskriminierungsstelle.
Zentral ist jedoch, vor allen weiteren Schritten nach außen, dass die betroffene Person Wertschätzung erfährt und rassistische, ableistische oder andere Diskriminierungen nicht negiert werden. Das Schlimmste, was Betroffene in solchen Situationen hören können, sind Aussagen wie „Das war sicherlich nicht so gemeint!“ oder Fragen wie „Bist du sicher, dass das wirklich passiert ist?“
Eine Person, die – nachdem sie genug Vertrauen gefasst hat, um über die Erfahrung zu sprechen – derart vor den Kopf gestoßen wird, wird es sich gut überlegen, ob sie sich bei einer erneuten Gewalterfahrung wieder Hilfe sucht. Im schlimmsten Fall denkt sie, von der Einrichtung sei keinerlei Hilfe zu erwarten.
Was bedeutet dies für den Arbeitsalltag in Einrichtungen?
Wenn man sich Gewalttaten in der Vergangenheit anschaut, die große mediale Aufmerksamkeit erregt haben, fällt in vielen Fällen eine defensive, schuldabweisende Haltung der Verantwortlichen oder deren Nachfolger:innen auf. Ein solches Verhalten entsteht oftmals aus einem Schock heraus, der so groß ist, weil man sich nicht darauf vorbereitet hat. Hier kann es helfen, sich in der Einrichtung zusammenzusetzen und gedanklich durchzuspielen: Wie würden wir mit dem absoluten Worst-Case-Szenario umgehen, wenn ein Gewaltvorfall in unserer Einrichtung mit Schlagzeilen in der Boulevardpresse auftauchen würde? Die statistische Wahrscheinlichkeit eines solchen Vorfalls ist zwar äußerst gering, dennoch kann eine solche Vorbereitung dazu führen, souveräner auch mit „kleineren“ Krisen umzugehen.
Im Hinblick auf strukturelle und epistemische Gewalt ist es wichtig, zu lernen, wie Gewaltformen aussehen, von denen man selbst nicht betroffen ist. Als Mensch ohne Behinderung kann ich kein Urteil darüber fällen, wie verletzend es ist, das Wort „behindert“ als Schimpfwort zu hören. Als weiße Person kann ich aufgrund meiner Nicht-Betroffenheit schwer einschätzen, welche Taten und Äußerungen rassistisch sind.
Viele Aktivist:innen und Sozialarbeiter:innen nennen die Klient:innen des Sozialwesens „Expertin eigener Sache“, und auch wenn dieser Ausdruck etwas sperrig wirkt, ist er exakt: Die Menschen wissen genau, was eine Diskriminierung ist, da dies in den meisten Fällen eine ständige Erfahrung ist.
Hier müssen die im Sozialwesen Beschäftigten lernen, der Expertise der ihnen anvertrauten Menschen zu vertrauen – auch dies ist ein bedeutsamer Teil von Partizipation.