Ableismus - Buchrezension
„Ableismus beschreibt, wie Sexismus und Rassismus, ein System von Praktiken, Institutionen, Glaubensbildern und Werten (...). Ableismus ist ein System, das die einen Menschen, welche zur sogenannten ‚Norm‘ gehören, einschließt und andere ausschließt und zu den unsichtbaren ‚Anderen‘ erklärt. Ableismus leitet sich von dem englischen Wort ‚able‘ ab, welches ‚fähig‘ bedeutet. Fähigkeiten, die als essenziell angesehen werden, werden gezielt hervorgehoben und gleichzeitig wird bewertet, wie Fähigkeiten aussehen müssen, um als ‚nichtbehindert‘ kategorisiert zu werden.“
So definiert die Autorin selbst den Begriff Ableismus, der in den 1980er Jahren in der US-amerikanischen Behindertenrechtsbewegung entstand. Schöne weist zudem darauf hin, dass Ableismus im deutschen Sprachraum unpräzise als „Behindertenfeindlichkeit“ umschrieben wird, was aber nur einen seiner Teilaspekte abdeckt. Ableismus meint neben dieser Feindseligkeit und Abwertung auch die dahinter wirkenden Machtstrukturen, Bilder, Stereotype sowie Unwissenheit. Diese erschaffen die gesellschaftliche und kulturelle Bewertung, Behinderung und Nicht-Behinderung voneinander abzugrenzen. Diese Prozesse sind derart normalisiert, dass sie für die Menschen unsichtbar sind. Die Autorin nennt Treppen als Beispiel. Sie sind nicht „natürlich“, sondern eine von Menschen geschaffene Struktur, die Personen ausschließt, indem sie den Zugang zu gesellschaftlichen Orten erschwert oder verweigert. Dennoch gelten Treppen als etwas Natürliches, und die Tatsache, dass es eine Wahl ist, Treppen statt anderer (barrierearmer) Zugänge zu schaffen, wird üblicherweise nicht bedacht.
Das Buch ist in drei Kapitel eingeteilt, die sehr logisch und schlüssig aufeinander aufbauen. Das erste Kapitel, „Wissenschaftliche Hintergründe und Geschichte hinter Ableismus“, zeigt auf, wie sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Behinderung verändert hat und wie sich heutzutage, vor allem durch die Arbeit behinderter Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen, der Blick auf Behinderung wandelt: Von der medizinischen Defizitorientierung, welche behinderte Menschen einer Objektivierung unterwarf, hin zum kulturellen Modell von Behinderung, das die Frage stellt, wer eigentlich die vorhandenen Vorstellungen von Normalität erschaffen hat.
Das Kapitel dient dazu, zunächst die Struktur von Ableismus herauszustellen und den Begriff in der Wissenschafts- und Medizingeschichte, aber auch kulturell, zu verorten. Somit wird den Leser*innen vermittelt, dass behinderte Menschen nicht einfach „da sind“ und „anders sind“, sondern dass Vorstellungen von Normalität ein Raster erschaffen, durch das manche Menschen aufgrund einiger ihrer Merkmale durchfallen und so einen niedrigen gesellschaftlichen Status erlangen. Erst als Ergebnis dieses Prozesses sind Behinderte „die Anderen“.
Behinderung wird als Konstruktion beschrieben. Sie ist es in dem Sinne, da gesellschaftlich festgelegt ist, welche Merkmale als Behinderung gelten und welche nicht. Die Autorin nennt das persönliche Beispiel ihrer eigenen körperlichen Verfasstheit: Ihre Kurzsichtigkeit gilt nicht als Behinderung, und die Brille, die sie trägt, nicht als Hilfsmittel. Das Dreirad, das sie nutzt, gilt hingegen als Hilfsmittel und markiert sie als Behinderte unter Nichtbehinderten.
Eingegangen wird auch auf die Disability Studies, eine relativ neue Forschungsdisziplin, die nicht „die Behinderten“ untersucht, sondern die von der Dominanzgesellschaft erschaffene Auffassung von dem, was bezüglich (Nicht-)Behinderung als normal gilt. Dieser Forschungsansatz wendet sich ab von dem althergebrachten Blick auf Behinderung durch die Brille von Rehabilitation und Sonderpädagogik und stellt die Frage: „Wie und warum wird historisch, sozial und kulturell überhaupt eine Randgruppe der ‚Menschen mit Behinderung‘ überhaupt hergestellt?“
In diesem Kapitel wird ebenso intensiv die Bedeutung von machtkritischer Sprache thematisiert und die Umschreibungen von behindert, wie „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ oder „Assistenzbedarf“, kritisiert. Es wird der Aneignungsprozess des Begriffs „Behinderung“ durch Aktivist*innen erklärt.
Das zweite Kapitel, „Phänomene, Stereotype und Sichtweisen von Alltagsableismus“, analysiert den Alltag behinderter Menschen mit seinen zahllosen Diskriminierungen und Hürden. Als Grundlage dessen beschreibt Schöne in Anlehnung an Erving Goffman Stigma und darauf aufbauende Mikroaggressionen, vermeintlich kleine Verletzungen, die immer wieder erfolgen und eine zermürbende Wirkung auf die Psyche der Betroffenen haben: Distanzlosigkeit, Entmündigung im zwischenmenschlichen Kontakt, Anstarren, Othering, aber auch als „Inspiration“ zu gelten. In diesem Kapitel wird besonders deutlich, warum „Behindertenfeindlichkeit“ keine angemessene Umschreibung für Ableismus ist. Denn auch grenzüberschreitende Akte, z.B. behinderten Menschen gegen ihren Willen und ohne Konsens zu „helfen“, z.B. beim Anziehen einer Jacke, fallen darunter, oder auch, wenn behinderte Menschen bei der Verrichtung alltäglicher Dinge als „Inspiration“ gefeiert werden. Der Grund hierfür ist, dass bei all diesen Verhaltensweisen nicht das Individuum im Zentrum steht, sondern die Behinderung. Menschen werden – im Negativen oder im vermeintlich Positiven – auf ein einziges Merkmal reduziert, im Gegensatz zu den Angehörigen der Dominanzgesellschaft, die nicht in die Situation versetzt werden, ihre Individualität abgesprochen zu bekommen und diese beweisen zu müssen.
In diesem Kapitel wird deutlich, dass Machtstrukturen nicht nur auf abstrakter Ebene ungerecht sind, sondern dass sie einen massiven psychologischen Schaden im Leben von Menschen anrichten. Diese Aufzählung erzeugt in den Leser*innen ein Spannungsverhältnis, wie dies so oft geschieht, wenn Menschen, die über ein Privileg verfügen, lernen, dass sie unwissentlich mithelfen, ein Machtsystem aufrechtzuerhalten, das Menschen verletzt und ihnen Schaden zufügt.
Trotz aller Etabliertheit ist an diesem System nichts natürlich. Alles daran ist konstruiert und glücklicherweise auch veränderbar, wie das dritte Kapitel zeigt. Der letzte Teil, „Auswirkungen von Ableismus im Alltag“, hat eine praktische Ausrichtung. Hier wird auch beschrieben, wie sich nicht-behinderte Menschen gegenüber Behinderten verhalten können, ohne ableistische Strukturen zu bedienen.
Es ist ein persönliches Buch, zugleich ein wissenschaftliches und ein Ratgeber. Geschickt verwebt die Autorin persönliche Erlebnisse ihres Alltags mit den dahinterliegenden Deutungsmustern und macht ihren Alltag für uns ein Stück weit nachfühlbar. Im Anschluss zeigt sie Verhaltensweisen, die dazu führen, die in den vorherigen Kapiteln beschriebenen Missstände zu verändern.
Auf weniger als 100 Seiten gelingt es Andrea Schöne, in eine komplexe Debatte einzuführen und viel Interesse zu wecken, sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Es ist auch ein schmerzhaftes Buch, da es privilegierten Menschen den Spiegel vorhält und zeigt, wie blind wir als Gesellschaft für die Anliegen behinderter Menschen sind, selbst wenn wir uns als wohlmeinend begreifen. Denn eines ist sicher: Gute Absichten sind nicht genug, wenn es um die Demontage von Machtverhältnissen geht. Sich eigener Privilegien bewusst zu werden, ist ein schwieriger Prozess und befördert Menschen gelegentlich erst einmal in die Defensive. Bedeutsam ist hier die Unterscheidung von individueller und kollektiver Verantwortung: Als Individuum bin ich nicht dafür verantwortlich, in welche Machtstrukturen und Privilegien ich hineingeboren bin. Ich bin aber dafür verantwortlich, wie ich mich in diesem Gefüge verorte und verhalte.
Was auch ins Auge fällt, ist die überzeugende Mischung aus Sachlichkeit, Appell und Ironie, die das Buch angenehm lesbar macht. So beschreibt die Autorin, der Begriff Ableismus sei derart unbekannt, dass ihr Textprogramm ihn rot markiert und anbietet, ihn durch das Wort „Albinismus“ zu ersetzen, was selbst ein ableistischer Begriff ist. Willkommen in der Matrix!