Epistemische Gewalt

Seit vielen Monaten spreche ich auf Veranstaltungen und poste online über epistemische Gewalt und erkläre, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und welchen Nutzen er hat: Für das Sozialwesen im Allgemeinen und die Arbeit im Gewaltschutz im Speziellen. Diese Interaktionen haben mir gezeigt, dass dieser Ausdruck im deutschen Sozialwesen noch lange nicht gängig ist, wobei die Reaktionen auf den Begriff meist positiv sind.
Ich möchte in diesem Artikel eine Lanze für diesen Begriff brechen, dazu anregen, ihn zu einem festen Bestandteil unseres Vokabulars zu machen und ihn in seiner Bedeutung der strukturellen Gewalt gleichzustellen.

Was ist epistemische Gewalt?
Der Ausdruck „Episteme“ entstammt dem Griechischen und bedeutet in seinem Ursprung „können“, „wissen“ und „verstehen“. Dabei bezieht sich der Begriff nicht nur auf das Verstehen oder Wissen an sich, sondern thematisiert auch den Prozess der Erkenntnis, also die Frage danach, wie wir das Wissen, über welches wir verfügen, gewinnen. Oftmals werden Episteme daher auch Wissensbestände genannt.
Diese Ideen wurden in der Geistesgeschichte wiederholt aufgegriffen, doch ich möchte in diesem Zusammenhang besonders auf Michel Foucaults Auffassung verweisen, dass die Wissensbestände einer Gesellschaft in starker Weise mit Macht zusammenhängen. Er beschreibt diese als

„[...] Wissensordnung einer Epoche bzw. die implizite epochenspezifische Logik, die paradigmatisch bestimmt, wie Wissen generiert wird und auf welche Weise grundlegende Klassifikationsschemata, Wahrnehmungsformen und Wertmuster die Wissensproduktion einer Gesellschaft stillschweigend beeinflussen. Diese, aus diskursiven Formationen hervorgehenden, Macht-Wissens-Komplexe beeinflussen nicht nur das gesellschaftliche Wissen, sondern auch die körperlich verankerten Wünsche und Bedürfnisse sowie die Selbstbilder der Menschen.“

Wissen ist also nicht „einfach da“. Es wird vielmehr in einem aktiven Prozess generiert und prägt Werte, Wahrnehmungsweisen, Vorstellungen von Normalität und die Vorstellung dessen, wie Menschen sein sollen. All dies ist gesteuert in der Art, dass es dem aktuellen Zeitgeist folgt und damit den herrschenden Eliten dient, indem es eine Art des Wissens zur Wahrheit macht, welches diese in ihrem Herrschaftsanspruch bestätigt.

In diesem Zitat ist auch der Ausdruck „stillschweigend“ interessant und wir finden eine offensichtliche Parallele zur strukturellen Gewalt: Die Wissensbestände, also das, was eine Gesellschaft für wahr und falsch hält, sind unsichtbar. Sie scheinen einfach da zu sein, weil wir uns nie Gedanken über ihre Entstehungsgeschichte gemacht haben. Wir wurden in sie hineingeboren und wachsen in großer Selbstverständlichkeit in und mit ihnen auf. Wir empfinden bestimmte Wahrheiten als naturgegeben, doch die hier genannten theoretischen Ansätze helfen uns, zu verstehen, wie kollektive sowie individuelle Haltungen und Auffassungen konstruiert, d.h. hergestellt sind.

Den Schritt zur Interpretation von Wissensbeständen als Form von Gewalt wurde schließlich durch die postkoloniale Theorie vollzogen. Diese ist aus den Literaturwissenschaften heraus entstanden und hat im Kontext der Analyse von globalen Machtverhältnissen in kolonialen Strukturen die Frage danach gestellt, wie Wissen und Macht miteinander in Verbindung stehen. Seit einiger Zeit werden die Lehren der postkolonialen Theorie auch für die Soziale Arbeit diskutiert, und zwar vor allem in Bezug auf Fragen institutioneller und individueller Macht.

In ihrer Monografie „Epistemische Gewalt – Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne“ definiert Claudia Brunner den Begriff in der Weise, dass sie Macht und gesellschaftliche Wissensbestände (Wissenschaft, aber auch Alltagswissen) mit Macht und der Möglichkeit, Gewalt auszuüben, verknüpft. Auch hier ist Wissen nicht leer, sondern von Macht durchsetzt und trägt diese mit sich und in sich.

Verena Grill, auf deren Masterarbeit im späteren Verlauf noch Bezug genommen wird, definiert epistemische Gewalt wie folgt:


„Grundsätzlich verweist epistemische Gewalt auf den Umstand, dass bestimmte Erkenntnismöglichkeiten zwanghaft delegitimiert, sanktioniert und verdrängt werden, während versucht wird, andere durchzusetzen bzw. während diese auch tatsächlich durchgesetzt werden.“

Welche Anknüpfungspunkte an gängige Diskurse in der Sozialen Arbeit hat die epistemische Gewalt?
Die Diskussion um epistemische Gewalt in der Sozialen Arbeit ist nicht so neu, wie sie zu sein scheint. Wir entdecken schnell eine direkte Bezugnahme auf Diskussionen über Paternalismus in der Arbeit mit Klient*innen sowie große inhaltliche Gemeinsamkeiten mit der Kritischen Sozialen Arbeit, v.a. in Bezug auf folgende Themen:

  • Die kritische Analyse von Gesellschaftsverhältnissen

  • Die Reflexivität eigener Annahmen und Wissensbestände

  • Die Machtsensibilität von Sozialer Arbeit als Disziplin

  • Die kritische Frage danach, wem welche gesellschaftlichen Verhältnisse dienen

  • Das Bestreben, normative Annahmen zu hinterfragen

Macht ist ein zentraler Begriff jeglicher Auseinandersetzung mit Gewalt, und es ist hinlänglich darauf hingewiesen worden, dass ungleiche Machtverteilung eine der wichtigsten Kontextfaktoren für das Auftreten von Gewalt ist.

„Macht zeigt sich in der Lebenssituation der Adressat*innen, ihren Chancen für eine selbstbestimmte, befriedigende Lebensgestaltung und gesellschaftliche Teilhabe. Macht entfaltet ihre Wirkung auf allen Ebenen, auf denen Soziale Arbeit agiert: im professionellen Interaktionsverhältnis, im Verhältnis zwischen Gruppen, Einrichtungen und Organisationen und als strukturelle Macht in politischen Prozessen.
(...)
Die Profession verfügt über Machtquellen: Zum Beispiel sanktioniert und kontrolliert sie über Definitionsmacht in der Unterscheidung von Norm und Abweichung, über Organisationsmacht in Form von Wissen und Verfahrenskenntnissen und über Ressourcenmacht in der Entscheidung über Gewährung, Ablehnung und Auswahl von Hilfen.
(...)
Adressat*innen der Sozialen Arbeit nehmen in der Regel eine niedrige soziale Position ein. Ihre Lebenssituation ist geprägt durch einen Mangel an ökonomischen, bildungsmäßigen, symbolischen und sozialen Ressourcen. Sie leiden an gesellschaftlicher Ausgrenzung, mangelhafter gesellschaftlicher Teilhabe, sozialer Isolation, an fehlender sozialer Anerkennung, mangelndem Einfluss und an Fremdbestimmung. Kurz gesagt: Sie leiden unter praktischen sozialen Problemen, die als Machtprobleme zu ihren Ungunsten strukturiert sind, da sie ihnen erschweren, ihre biologischen, psychischen und sozialen Bedürfnisse angemessen zu befriedigen.“

Kritische Soziale Arbeit beschreibt also den breiteren Kontext, in den epistemische Macht eingebettet ist.

Wie lässt sich das auf die Praxis im Sozialwesen übertragen?
Selbstverständlich haben wir es im Sozialwesen nicht mit staatlichen Gebilden oder internationalen Akteurinnen zu tun und müssen die Theorien, die sonst Anwendung im Bereich internationaler Politik finden, umstrukturieren. Dennoch gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte: Auf einer rein abstrakten Ebene haben wir es aber mit Akteurinnen zu tun, welche aus unterschiedlichen Positionen eines Hierarchiegebildes miteinander in Beziehung treten und Interaktionen führen, die nicht auf Augenhöhe sind.

Sara Blumenthal beschreibt die Stigmatisierung von Jugendlichen in Wohneinrichtungen in Österreich als epistemische Gewalt und begründet dies damit, dass Ausgrenzung immer auch gewaltförmig ist. Zudem weist sie darauf hin, dass epistemische Gewalt die anderen Gewaltformen insbesondere im Sozialwesen begründet und bezeichnet die Stigmatisierung von Jugendlichen in den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als epistemische Gewalt.

„I argue that the stigmatisation of youth by caregivers is fed by broader patterns of social order and can be understood as epistemic violence. Since stigmatization expresses a reductionist view of the addressees and is passed on as an offer of interpretation, these forms of everyday knowledge can be understood as epistemic violence. From a sociological perspective, this knowledge also has the function of enhancing the position of the professionals by devaluing the youth. Stigmatisation can also be understood as violence in the form of epistemic violence, even if it is an inner attitude that is not expressed to third parties or the stigmatised addressees themselves. Stigmatisation is an important topic for processes of professionalisation in institutions for two reasons firstly, because stigmatisation is epistemic violence in itself and secondly, because other forms of violence can follow from a stigmatising view of addressees.“

Hier schließt sich der Kreis zur eingangs zitierten Masterarbeit von Verena Grill, wo sie beschreibt, in welcher Weise die Wissensbestände in der Sozialen Arbeit immer von den aktuellen Macht- und Herrschaftsverhältnissen geprägt sind und diese Macht- und Herrschaftsverhältnisse zugleich zu reproduzieren, indem sie in Wissenschaft und im Umgang mit Menschen auf diese Wissensbestände zurückgreift.
Verena Grill bezeichnet diesen Sachverhalt als

„im Unsichtbaren belassene [...] Verstrickungen Sozialer Arbeit in Macht- und Herrschaftsverhältnisse“.


Sie nennt als ein frühes Beispiel dessen die Auffassung von Mary Richmond, welche Armut als individuell zu verantwortendes Defizit und Versagen framte und einen entsprechenden Umgang damit implizierte, nämlich die Notwendigkeit, an der Moral der hilfebedürftigen Menschen zu arbeiten. Konkret hieß dies in ihrer Auffassung, Lohnarbeit als moralisches Erziehungsmittel zu begreifen.
Zwar ist dieses Paradigma in der Sozialen Arbeit veraltet (und auch zu Mary Richmonds Zeit gab es andere Auffassungen, wie auf Armut durch die Profession reagiert werden sollte), doch haben sich an seine Stelle neue machtdurchsetzte Wahrnehmungs- und Interpretationsmuster genutzt, welche marginalisierte Menschen diskursiv und in seiner Folge auch alltagspraktisch schwächen.
Verena Grill beschreibt in dem bereits zitierten Text:


„Die sozialarbeiterische Praxis, als ‚anders‘ konstruierte Personen an vorgegebene Normen anzupassen, wirkt bis heute fort.
[...]
Gleich den liberal motivierten Anfängen traditioneller Sozialer Arbeit, werden im Neoliberalismus Ansätze für Erklärungen und Lösungen von sozialen Problemen auf das Individuum bezogen. Strukturelle Ungleichheiten werden somit ausgeblendet und vorherrschende Macht- und Herrschaftsverhältnisse gestärkt.“

Wie können wir diese Erkenntnisse für die Arbeit am Gewaltschutz nutzbar machen?

Ich möchte im Folgenden aufzeigen, in welcher Weise epistemische Gewalt in Bezug auf Empfänger*innen Sozialer Arbeit das Fundament bildet, auf dem strukturelle Gewalt erst stattfindet. Sie erschafft die Wissensbestände, die dazu führen, dass die Belange der betroffenen Personengruppen als gesellschaftlich weniger relevant oder zu vernachlässigen gelten.

  • In der Arbeit mit Menschen mit Behinderung kommen wir mit Klient*innen zusammen, die von den Wissensbeständen der Gesellschaft stark eingeschränkt werden. Sie sind von ableistischer Diskriminierung betroffen. Ihre Perspektiven werden gesamtgesellschaftlich kaum berücksichtigt. Ein Beispiel hierfür ist der öffentliche Raum, der für Menschen im Rollstuhl nur eingeschränkt nutzbar ist. Dies stellt eine verweigerte Teilhabemöglichkeit dar und wird zurecht als strukturelle Gewalt bezeichnet. Epistemische Gewalt hilft uns zu verstehen, auf welchen Wissensbeständen dieser Mangel an Teilhabemöglichkeiten basiert: auf der Annahme, die Bedarfe behinderter Menschen hätten nicht die gleiche Relevanz wie die von Menschen ohne Behinderung.

  • In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehen wir uns mit stark ausgeprägten adultistischen Annahmen konfrontiert, die eine besondere Form epistemischer Gewalt darstellen. Ein paradoxes Beispiel: Statistisch gesehen müssen sich Kinder, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, an bis zu acht Erwachsene wenden, bis ihnen geglaubt wird. Gleichzeitig werden Kinder aufgefordert, sich Hilfe zu suchen, wenn ihnen Gewalt widerfährt. Doch oft wird ihnen unterstellt, zu fantasieren oder nicht zwischen Wahrheit und Fantasie unterscheiden zu können.

  • In der Arbeit mit geflüchteten Menschen zeigt sich häufig eine Verknüpfung rassistischer Wissensbestände. Auch das Leugnen oder Schönreden von erlebter rassistischer Gewalt spielt hier eine Rolle. Abwertende Wissensbestände über zugewanderte Menschen, vor allem Schwarze und People of Color, sind weit verbreitet und belasten die Betroffenen enorm. Zugleich führen Stereotype über migrierte oder geflüchtete Personen dazu, dass diese schneller als Täter*innen von Kriminalität oder Gewalt wahrgenommen werden, statt als deren Betroffene.

Schutzkonzepte müssen also immer berücksichtigen, welche Gewaltformen die betreuten Personen erleben. Diese Gewaltformen basieren auf epistemischer Gewalt. Einerseits handelt es sich dabei um eine Gewaltform, die für sich steht und eine diskriminierende Lebensrealität schafft. Andererseits dient sie als Fundament für andere Gewaltformen und erschwert die Möglichkeit, im Falle von Gewaltbetroffenheit geglaubt zu werden und Zugang zum Hilfesystem zu erhalten.

Was lernen wir als Sozialarbeiter*innen und/oder Leitungskräfte, die Gewaltschutzmaßnahmen erarbeiten möchten?

  • Objektivität als Illusion: Uns bewusst zu sein, dass unsere Haltung nicht neutral ist, sondern immer subjektiv und beeinflusst von den gesellschaftlichen Wissensbeständen, in die wir hineingeboren wurden.

  • Erkennen diskriminierender Wissensbestände: Da sich epistemische Gewalt in den Wissensbeständen einer Gesellschaft zeigt, müssen wir uns bei der Schutzkonzeptentwicklung mit der Frage auseinandersetzen, wie das gesellschaftliche Wissen über bestimmte Personengruppen diese diskriminiert. Dies kann z.B. dazu führen, dass sie als „unselbstständig“ oder „unzuverlässig“ markiert werden.

  • Vertrauen: Zentral für Schutzkonzepte ist das Bestreben, eine Vertrauensbeziehung zu den betreuten Personen aufzubauen. Vertrauen entsteht, wenn die Person mit mehr gesellschaftlicher Macht anerkennt, dass es ein Machtgefälle gibt, und verantwortungsvoll damit umgeht.

  • Bewusstsein über die Verletzung von Rechten: In einigen Situationen führt epistemische Gewalt zur Verweigerung grundlegender Rechte. Dies wirkt sich besonders negativ auf die betroffenen Personen und den Gewaltschutz aus. Beispielsweise wird Menschen mit Lernbehinderung oft unterstellt, keine validen Aussagen machen zu können. Dies hält sie davon ab, sich gegen Gewalterfahrungen polizeilich oder gerichtlich zu wehren, wodurch sie systematisch von ihren Grundrechten ausgeschlossen werden. Dies ist das Gegenteil dessen, was sie vor Gewalt schützen würde.

  • Haltung und Empathie: Die Art und Weise, wie Restriktionen kommuniziert werden, die wir als Sozialarbeitende machtlos gegenüberstehen, macht einen großen Unterschied. Es ist ein Unterschied, ob wir „von oben herab“ oder empathisch kommunizieren. Das beeinflusst stark, wie die betreuten Menschen diese Informationen aufnehmen.

  • Machtsensibilität: Unser Wissen wird dadurch erweitert, dass wir erkennen, dass strukturelle Gewalt nicht aus dem Nichts entsteht. Sie stützt sich auf Wissensbestände, die bestimmte Informationen als Wahrheiten festschreiben. Diese Wahrheiten werden in der Regel nicht mehr hinterfragt, sondern lediglich reproduziert.

  • Selbstreflexion: Ein reflektierter Umgang mit epistemischer Gewalt, ähnlich wie mit struktureller Gewalt, ist notwendig. Wir müssen erkennen, dass wir (wenn wir im Sozialwesen tätig sind) und die Menschen, die wir betreuen, in komplexe Machtgefüge verstrickt sind. Dies ermöglicht es uns, die Gesellschaft nicht als neutral, sondern als von Machtverhältnissen durchzogen wahrzunehmen.

All diese Gedanken können das Thema selbstverständlich nicht abschließend behandeln, und das ist mit diesem kurzen Text auch nicht intendiert. Ich möchte vielmehr dazu anregen, das Konzept der epistemischen Gewalt in die Debatte über und die Arbeit am Gewaltschutz im Sozialwesen einzubeziehen. Dieser Begriff, der am Kern des gesellschaftlichen Wissens ansetzt, kann uns helfen, tiefere Zusammenhänge zu erkennen und dadurch gerechtere Strukturen zu schaffen.

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